Gastfreundschaft in “sozialen Netzwerken”

Seit dem Start von Google+ Ende Juni dieses Jahres gibt es einen öffentlichen Disput zur Frage des Realnamenzwangs, über Spitznamen und Pseudonyme. Wir haben uns bereits hier und hier dazu geäußert. Der Streit entzündet sich nicht nur am Realnamenzwang selbst, sondern auch daran, daß Google ihn offensiv durchsetzt und viele Nutzer-Accounts sperrte. Jetzt geht es in die nächste Runde.

Eric Schmidt höchstselbst hat nun einige Antworten zur Realnamen-Politik bei Google+ gegeben. Ganz allgemein befand der ehemalige Google-Chef, daß er es begrüßen würde, zu wissen, mit wem er im Netz kommuniziert. Denn manche Menschen seien einfach bösartig, daher müsse man herausfinden können, wer sie seien. Anonymität sei da nicht hilfreich.

Man könnte dem mit einem Zitat von Emmanuel Goldstein begegnen: “Bad stuff will happen with or without anonymity. We just feel that the bad stuff that happens without anonymity is worse.” Auch Lauren Weinstein hält dagegen: Sie argumentiert neben vielen weiteren Gedanken nicht zuletzt damit, daß jemand, der es darauf anlegt, ohnehin immer einen anonymen Weg finden wird.

Schmidt sagte außerdem, Google+ sei als Identitätsservice konzipiert, daher sei es zwingend, daß die Nutzer ihre realen Namen angeben, denn auch zukünftige Dienste würden auf diesem Konzept aufbauen. Wer also noch dachte, Google+ würde ein “soziales Netzwerk” sein, der sieht sich getäuscht.

Auf den Einwand, daß einige Menschen um ihre Sicherheit besorgt seien, entgegnete Schmidt, Google+ sei optional, niemand wäre zur Nutzung verpflichtet. Mit einem gehörigen Schuß Zynismus fügte er hinzu: Menschen in Iran oder Syrien hätten aufgrund der politischen Verhältnisse ohnehin keine hohen Erwartungen an die Wahrung ihrer Privatsphäre. Google sieht sich offenbar nicht in der Rolle, ihnen etwas Privatheit zu schenken.

no google

Larry Page, derzeitiger Google-Chef, schlug in dieselbe Kerbe. Darauf angesprochen, daß es gute Gründe gäbe, Google+ pseudonym nutzen zu wollen, meinte er: “There are other places they can go to, we don’t have to fight every ethical and social injustice every time in everything we do, G+ is one of the occasions when we don’t seek to right the wrongs of the world, we just want to get the work done.” Da hilft wohl nur noch ein gut funktionierender Falschnamen-Generator, von Google ist da nichts zu erwarten.

Meg Worley und Cory Doctorow sezieren die ganze sogenannte “nymwars”-Diskussion genüßlich. Und natürlich hat das alles in Wirklichkeit wenig mit der Frage des Schutzes von Identitäten oder mit Transparenz zu tun, letztlich geht es nur um Googles Kunden. Und das sind die Werbefirmen, nicht die Nutzer von Google+. Reale Namen sind schlicht ein finanzieller Wert.

no facebook

Unser Vorschlag zur Modernisierung des ursprünglichen Google-Mottos “Don’t be evil” wäre: “I can be evil as I wanna be”. Würde auch zu Facebook passen. Bei der Gelegenheit sei der Facebook-Blockierer empfohlen.

Beides sind US-amerikanische Unternehmen, insofern wird ihnen derzeit nicht zu Unrecht überall ein Urteil des obersten US-Gerichts aus dem Jahr 1995 vorgehalten, in dem es heißt: “Anonymity is a shield from the tyranny of the majority. It thus exemplifies the purpose behind the Bill of Rights, and of the First Amendment in particular: to protect unpopular individuals from retaliation — and their ideas from suppression — at the hand of an intolerant society. The right to remain anonymous may be abused when it shields fraudulent conduct. But political speech by its nature will sometimes have unpalatable consequences, and, in general, our society accords greater weight to the value of free speech than to the dangers of its misuse.”

Für den digitalen Alltag ist es jedenfalls sehr empfehlenswert, verschiedene Identitäten für die verschiedenen “sozialen Netzwerke”, Fotoplattformen usw. zu pflegen. Stalker oder Werbeplattformen können so nicht ohne weiteres die verschiedenen Daten zusammenführen, der potentielle Schaden bei einem Datenunfall bleibt begrenzt. Pseudonyme und Anonymität sind ein wesentlicher Teil der Freiheit im Netz. Sie aufzugeben, nur weil Google, Facebook oder der Staat es so wünschen, wäre ein strategischer Fehler.

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