Jedem selbst überlassen

Die losgetretene Kampagne des niedersächsischen und des schleswig-holsteinischen Datenschutzbeauftragten bleibt nicht ohne Wirkung: Langsam geht hierzulande der Trend los, sich nicht mehr länger ausspionieren zu lassen. Alternativ kann man übrigens auch auf einen solchen Service umsteigen.

Die Diskussion um Anonymität und Pseudonymität im Netz bleibt ebenfalls weiter spannend, wir hatten hier bereits etwas dazu geschrieben. Google+ hat den denkbar schlechtesten Weg gewählt, seine Benutzer zu bewegen, ihre Identität preiszugegeben: Zwang. Für einen erfahrenen Anbieter im Werbemarkt ein erstaunlich plattes Vorgehen: Man bietet den Nutzern in Google+ nicht etwa an, ein Profil unter ihrem realen Namen anzulegen, auszubauen und zu pflegen, man zwingt sie und suspendiert die Accounts gar bei Zuwiderhandlung.

Es gerät dabei ab und an in Vergessenheit, daß auch Facebook nicht wenige seiner Nutzer dazu zwingt, sich zu identifizieren. Wer nach einer Suspendierung oder aus anderen Gründen mal mit den automatisch generierten E-Mails der “User Operations Facebook” zu tun hatte, wird den Text kennen: “Im Augenblick können wir leider nicht bestätigen, dass Du der Inhaber dieses Kontos bist. Bitte antworte auf diese E-Mail und füge der Antwort ein digitales Bild Deines amtlichen Ausweises bei. […] Bitte beachte, dass wir Deine Anfrage nur dann bearbeiten können, wenn Du uns den erforderlichen Ausweis zuschickst.”

Und bei Google+ rumort es hörbar lauter: Too Much Unnecessary Drama, Violet Blue vergeht schon der Spaß. Und werden in der aktuellen Frage um die Identifizierungspflicht die Gründe für die unbedingte Notwendigkeit anonymer Veröffentlichungsmöglichkeiten diskutiert, fällt der Blick immer öfter über unsere privilegierten Breiten hinweg nach Nordafrika, nach Arabien, nach China, nach Iran. Gerade die sogenannte “Grüne Revolution” hätte viele Blogger oder Twitter- und Facebook-Nutzer den Kopf kosten können, hätte sie nicht pseudonym oder anonym über die Ereignisse geschrieben. Daß man ein Pseudonym doch gar nicht brauche, wird so schnell zu einem Argument von Menschen, die nicht weiter als in ihre kleine heile Welt blicken können.

Pseudonyme können befreiend wirken, gerade weil man seine Gedanken oder Beobachtungen frei äußern kann. Sie ermöglichen es manchem erst, ihre wirklichen Ansichten über Politik, Sex oder Compilerbau kundzutun. Man muß dafür nicht einmal die berühmten Whistleblower als Beispiel bemühen, viel alltäglicher ist oft das, was im Netz zu finden ist. Kaum etwas ist so prägend für das Internet wie diese Redefreiheit, obgleich nicht nur Mark Twain beweist, daß man seine Reputation mit einem Pseudonym erfolgreich ganz ohne Netz aufbauen kann. Kee Hinckley hat in On Pseudonymity, Privacy and Responsibility on Google+ viele weitere Gründe zusammengetragen. Er stellt am Ende seiner vielschichtigen Argumentation die Frage:

I leave you with this question. What if I had posted this under my pseudonym? Why should that have made a difference?

(Ich möchte zum Schluß folgende Frage stellen: Was, wenn ich dies hier unter meinem Pseudonym geschrieben hätte? Warum sollte das einen Unterchied machen?)

Diese Frage zu beantworten, ist wohl jedem selbst überlassen.

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